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Reiseberichte: Karawane im Dünenmeer
:: Karawane im Dünenmeer
Leben ohne Technik, ohne Nachrichten und Kontakt nach draußen. Unser Leben ist hier, ist jetzt. Wir werden eine Woche fast wie Nomaden leben, jede Nacht woanders schlafen. Unsere Route wird sich nach Wasserstellen richten. Und doch werden wir ein großes Stück mehr Luxus als die Nomaden der Sahara haben. Ein reichhaltiger Speiseplan, modernes Equipment (vom Schlafsack bis zum Wanderschuh) federn die Härte des nomadischen Lebens auf ein für uns Europäer "normales" Niveau ab. Ein Abenteuer bleibt diese Wanderung durch das wunderschöne Dünenmeer des Erg Ouarane trotzdem für alle Teilnehmer...

Am Flughafen von Atar

Müde kommt die Gruppe in Mauretanien an. Am Airport International (schöne Bezeichnung für einen Platz, wo in der Woche ca. 2 Maschinen landen) stehen ordentlich aufgereiht die Jeeps der ortsansässigen Reiseagenturen, die von hier aus, wie auch unsere Gruppe, zu Wander- oder Jeeptouren in die mauretanische Sahara starten werden. Neben den Fahrern der zwei Wagen ist bereits Sidat, unser Koch für die nächste Woche dabei. Ich habe mit ihm schon vor einigen Tagen den Speiseplan besprochen und wir hatten gemeinsam auf dem Markt in Atar die Einkaufsliste vervollständigt. Wir haben nun ein für Wüstenverhältnisse überaus reichhaltiges Angebot an Bord. Teile der Lebensmittel wurden sogar in der 700 KM entfernten Hauptstadt Nouakchott organisiert. Es wird uns also an nichts fehlen auf unserer Wanderreise.

Überdreht vom Flug und den ersten Eindrücken am Flughafen kommt die Gruppe aus dem Sicherheitsbereich, viele Fragen beantworte ich geduldig und merke, dass ich wohl schon eine gewisse mauretanische Ruhe und Gelassenheit ausstrahle. Kein Wunder, habe ich doch in der letzten Woche nach meinem Solo-Spaziergang im Sandmeer des Erg Ouarane noch einige stille Tage im Haus von Ahmed, dem Besitzer unserer Partner-Agentur hier in Atar verbracht. Im Hof des Hauses steht eine Haima, das klassische Nomadenzelt der Mauren, und die einzige Tätigkeit dort waren die vielen Gespräche und Teezeremonien mit den einheimischen Kameltreibern und Guides. Nachdem das Gepäck auf den Ladeflächen der Pickup-Jeeps gut vertaut ist, fahren wir hinein in die Canyonlandschaft der Adrar-Berge. Nach 12 Jahren Bauzeit ist seit gut einem Jahr der neue geteerte Pass fertig, der die Überquerung endlich sicher macht. Auf dem Hochplateau biegen wir dann irgendwann von der Hauptpiste nach Norden ab. Ziel sind das Fort Saganne, eine surreale Filmkulisse und die von Theodore Monod entdeckten 6000 Jahre alten Felsmalereien. Diese stellen viele Tiere wie Löwen, Giraffen und Strauße dar, die heute nur noch einige tausend Kilometer weiter südlich in Zentralafrika leben. Nach der Besichtigung des Fort machen wir Siesta mit kühlem Gemüsesalat. Die Gruppe sitzt dabei auf einem Hochplateau mit herrlichem Ausblick auf die Berge des Adrar. Am späten Nachmittag erreichen wir nach sandiger Piste die Oasenstadt Chinguetti. Abendessen in der Auberge, es gibt Couscous und zum Nachtisch süße Datteln und maurischen Tee. Nach dem Briefing gehen wir früh zu Bett, denn der Tag war lang und morgen warten bereits neue Abenteuer auf uns!

Oasenbesichtigung und Start der Karawane

Frühstück in der Auberge mit warmem Baguette, Tee oder Kaffee und sogar französischen Streichkäse gibt es dazu. Danach spazieren wir durch das Oued, das den alten und neuen Teil der Oase trennt in die Altstadt von Chinguetti. Im 13. Jahrhundert gegründet, war diese Oase einst ein ort der Gelehrsamkeit in der gesamten Westsahara und nach der Islamisierung siebte heilige Stadt und somit Sammlungsort für die Pilger-reisen nach Mekka. Zur Blütezeit kamen hier jeden Tag 300 Kamele verschiedener Karawanen an und es sollen bis zu 30.000 Menschen hier gelebt haben. Heute gibt es hier noch rund 1.500 Menschen und wenig zeugt von der einstigen Bedeutung dieser alten Karawanenstadt. Zumindest die UNESCO hat 1996 Chinguetti und einige weitere Städte in Mauretanien zum Weltkulturerbe ernannt, was zumindest auf eine Verlangsamung des weiteren Verfalls hoffen lässt. Wir besichtigen eine kleine Bibliothek, wo echte Schätze der arabischen Kalligraphie aus vielen Jahrhunderten ungeschützt in Steinregalen liegen. Nach der Besichtigung und dem Mittagessen geht es endlich los auf unsere kleine Karawanenreise: Die nächsten Tage werden wir ohne Luxus und fast ohne alle technischen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte das Leben von Nomaden führen. Kein Radio, kein Telefon und auch keinen Tisch oder Stuhl wird es geben, das Leben in der Wüste spielt sich auf dem Boden ab. Langsam ziehen wir im Rhythmus der Kamele hinaus aus der Oase immer entlang des Oueds von Chinguetti, das uns ostwärts führt. Die ersten Laufkilometer fallen allen Teilnehmern der Gruppe schwer. Das laufen im Sand ist eben gewöhnungsbedürftig. Schon die ersten Wanderstunden offenbaren die Vielseitigkeit der Wüste: Wir passieren viele kleine Palmenhaine und sehen die ersten majestätische Dünenzüge. Am Abend schlagen wir unser Camp unweit des Brunnen von Oul Magaye auf. Diese Gegend ist für Saharaverhältnisse sehr belebt. Wir sehen auch Zelte der Nomaden und als Klaus seinen Lenkdrachen in den roten Abendhimmel steigen lässt, sind schnell viele Nomadenkinder bei unserem Lager. Nach Sonnenuntergang wir das erste Lagerfeuer entzündet, es gibt Tee und die Stimmung ist entspannt. Als ich dann später am Abend den Afrikaneulingen den Sternenhimmel der Sahara erkläre, merke ich, dass schon nach kurzer Zeit alle vom magischen Wüstenvirus infiziert sind. Nachts schlafen wir auf die umliegenden Dünen verteilt, in der Ferne hören wir die Trommeln der Nomaden und zählen Sternschnuppen.

Sandmeer und Singende Düne

Der zweite Tag mit der Karawane. Noch ist der morgendliche Ablauf etwas unrund, die Mitreisenden kennen ihre eigene Gepäckaufteilung noch genauso wenig, wie die Packreihenfolge unserer Chameliers. Weil diese heute noch etwas Zeit brauchen, bis alle Taschen, Decken, Kartons und Wasserbehälter auf unsere sieben Kamele verteilt sind, laufen wir die ersten zweihundert Meter bis zum nahegelegenen Brunnen vor. Dort wird nochmals Wasser getankt, bevor es endgültig hinein geht ins Dünenmeer. Wir laufen heute direkt südlich, die Sonne im Gesicht, doch zum Glück haben alle Reisenden einen Chech umgewickelt. Dieses einfache rund 5 Meter lange Stofftuch wird übrigens von allen Mitreisenden zum wichtigsten Universalkleidungsstück erklärt. Er ist gut gegen Sonne, Wind, Sand, Kälte und als Kopfkissen zu benutzen. Die Landschaft hier im Erg Ouarane ist Bilderbuchwüste: Dünen in allen Farben und Formen soweit das Auge reicht. Am frühen Nachmittag erreichen wir unser Etappenziel: die Singende Düne. Wir lagern unten im Oued und bauen aus Mangel an Schatten eine Plane mit Wanderstöcken und Seilen als Sonnenschutz auf. Dann folgt das Essen und anschließende Siesta. Als die Sonne etwas tiefer am Horizont steht, entwickelt sich große Aktivität im Lager. Die vor uns liegende gewaltige Dünenwand gilt es nun zu ersteigen. Matthias und Doreen klettern als erste den Hang hinauf, ich folge mit den anderen etwas später. Unser Puls rast, denn die ersten 70 Meter bestehen aus butterweichem Sand. Alle paar Meter müssen wir rasten, zum Glück haben wir unsere Wasserflaschen mitgenommen! Das Dünenfeld hier ist wie eine Treppe gebaut, man erreicht nach und nach immer höhere Stufen, bis man ganz oben ankommt. Dort sind wir überwältigt von dem tollen Ausblick: Dünenmeer bis zum Horizont in jeder Himmels-richtung, in der Ferne ist heute Chinguetti zu sehen und als I-Tüpfelchen erleben wir heute auch noch einen wunderbaren Sonnenuntergang. Der Abstieg dauert ein Zehntel solang wie der anstrengende Weg hinauf und auf den letzten Metern bringen wir die Düne dann endlich zum Singen. Unsere Schwingungen und die besondere Konsistenz des Sandes erzeugen Niederfrequenztöne und so brummt die Düne uns ein Liedchen. Nach dem Abendessen steigen wir müde in die Schlafsäcke und durch den schon fast vollen Mond haben wir bis zum Einschlafen eine prächtige Sicht auf den gewaltigen Dünenkamm.

Waschtag in Mghalig

Den nächsten Tag laufen wir weiter in das Sandmeer hinein. Mal mit den Kamelen und den Nomaden, die den einfachen Weg durch das Dünengeflecht suchen, mal in kleinen Gruppen direkt über die hohen Dünenfelder. Manch einer geht allein, schweigt und nimmt so die Wüste in sich auf, andere reden (mehr als daheim), wohl auch um die unzähligen Eindrücke besser verarbeiten zu können. Ich laufe oft mit einem unserer Nomaden-begleiter, rede über das Leben in der Wüste und erzähle natürlich auch über unser vom Überfluss geprägtes Leben in Europa. Es ist beeindruckend, wie uns die Wüste und ihre Bewohner zeigen, dass Schönheit und Lebenskraft auch in der Reduktion von Dingen liegen können. Unsere vier Begleiter strahlen eine starke Zufriedenheit aus, sind immer fröhlich, selbst wenn sie abends, nachdem unsere Gruppe schlafen gegangen ist noch lachend und singend am Feuer sitzen - einfach sympathisch! Zurück zum Laufen. Ohne akute Blasen und andere Wehwehchen erreichen wir am Nachmittag das Dünental von Mghalig. Vom letzten hohen Dünenkamm springen wir hinunter ins Oued direkt auf den kleinen Brunnen von Mgahlig zu. Die Karawane kann hier nicht direkt hinunter, sondern nimmt eine etwas flachere Schleife und lässt sich von den Dünenausläufern langsam ins Tal tragen. Die Farbe der Dünen ist goldgelb bis rot im Gegensatz zur Ebene, die fast schwarz vor uns liegt. Der Brunnen hat gutes Wasser. Ein alter Natursteinbrunnen neben dem betonierten ist versandet, was man übrigens häufig in der Sahara sieht. Klaus und Matthias nehmen eine Kopfdusche und freuen sich über das kalte Brunnenwasser. Wir lagern heute direkt unter einer großen Akazie, es gibt den obligaten Tee und nach dem Essen merkt man, das langsam innere Ruhe einkehrt: Alle schlafen am Nachmittag ein! Vor dem Sonnenuntergang ist dann Ortsbesichtigung angesagt, wir bauen die Zelte etwas oberhalb in den Dünen mit Blick aufs Oued auf und machen hier sogar ein zweites Lagerfeuer an.

Windstille und Gluthitze

Normalerweise herrschen in der Westsahara recht einfache Regeln des Windes: Sandstürme sind eher selten, im Frühjahr und Herbst ist kaum damit zu rechnen, tagsüber hat man fast immer Harmatan, einen thermischen Ostwind, der meist mit der Sonne kommt und sich auch mit Sonnenuntergang schlafen legt. Doch hat die Natur eigene Regeln. Drei Tage Windstille zum Beispiel. Eine Freude vielleicht für die Fotografen unserer Gruppe, die nicht auf Sand in der Kamera achten müssen, aber eine Belastung für den Wanderer, der den täglichen Wind als willkommene Abkühlung empfindet. Wir haben deshalb heute schon früh unser Mittagslager aufgeschlagen und die schattenspendende Plane an einer Akazie aufgespannt. Von zwölf bis um drei geht nichts. Wir liegen Regungslos im Schatten und Henry liest sehr schön aus Monods Wüstenwanderungen vor. Am Nachmittag gehen wir dann nochmals anderthalb Stunden. Der Höhepunkt des Abends ist dann die Zubereitung der Kessera. Das ist ein Brot, das hier von den Nomaden zubereitet und direkt im heißen Sand unter der Glut des Feuers gebacken wird. Dabei entsteht eine angeregte Plauderstunde. Wir erfahren praktische Dinge über die Kamelhaltung, das Heiraten in Mauretanien und weitere wichtige Dinge des Nomadenalltags anno 2002 - sehr interessant und vor allem humorvoll!

Ausflug nach Lagueila und Sternschnuppen zählen

Der folgende Tag ist zweigeteilt. Zuerst werden wir mit der Karawane bis zum Oued von Ahmedou laufen und dann nach einer Pause (und dem Mittagessen :-) ohne Gepäck und ohne die Nomaden in die schöne Oase Lageila laufen, die von hier aus fast einen Katzensprung entfernt liegt. Zwischen Ahmedou und Lagueila liegt "nur" ein majestätisch hohes Dünenfeld, welches wir diagonal kreuzen müssen. Ich laufe mit der Gruppe nach Kompass und die Freude ist immer wieder schön, nach einer anstrengenden Stunde Dünenwandern hinter der höchsten Düne die ersten Palmen der Oase zu entdecken. In Lagueila rasten wir eine knappe Stunde und besichtigen die kleine Oase, bevor es zurück geht zu unserem Lagerplatz. Zwischendurch lassen wir uns jedoch alle auf dem Rücken einer hohen Düne nieder und schauen dem Farbenspiel der langsam untergehende Sonne zu. Kurz vor der Dämmerung erreichen wir dann Ahmedou und das Essen duftet schon verlockend. Unsere letzte Nacht in den Dünen verbringen wir draußen. Niemand will im Zelt liegen - der Sternenhimmel ist einfach zu schön. Zur Zeit sind schon die Vorboten der Plejaden am Himmel zu sehen. Der Höhepunkt wird zwar erst in einigen Tagen erreicht, wo man dann in einer Stunde bis zu tausend! Sternschnuppen sehen kann. Wir werden zu diesem Zeitpunkt leider nicht mehr unterwegs sein, aber auch in den Tagen davor ist schon erheblich mehr Bewegung am nächtlichen Sternenhimmel.

Freiheit im Dünenmeer

Die Schlussetappe sind noch ca. 12 Kilometer bis nach Chinguetti. Das scheint wenig zu sein, in den verschachtelten Dünen südlich der Oasenstadt relativiert sich diese Distanz jedoch schnell. Unsere Gruppe trennt sich heute: Doreen wird mit einigen Teilnehmern direkt ohne Nomaden- und Kamelbegleitung laufen. Ich gehe mit den anderen Teilnehmern die "leichte" Route, die von der Wegstrecke her etwas länger ist, dafür aber um die höchsten Dünenfelder herumführt. Beide Strecken haben ihren eigenen Charakter, das Gefühl, absolute Autarkie - zumindest für einige Stunden - zu spüren, hat einen besonderen Reiz. Entsprechend euphorisiert kommt die Gruppe mit Doreen in der Auberge von Chinguetti an. Hinter uns liegt eine Woche Karawanenleben und doch kam die Zeit allen erheblich länger vor. Die Intensität der Tage in der Wüste und vor allem das aktive (Er)leben aus erster Hand haben alle beeindruckt. Das Reichtum auch in der Reduktion der Dinge liegen kann, haben alle Teilnehmer gelernt und viele von Ihnen werden dieses Gefühl noch lange in sich tragen.
Wüstenwandern - Erdmannstr. 13 - 10827 Berlin - Fon: +49 (30) 85 47 93 79 - Fax: +49 (30) 85 47 96 15