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Reiseberichte: Auf den Spuren Monods
:: Auf den Spuren Monods
Im Jahr 1922 kam der junge Meereszoologe Theodore Monod das erste Mal in Mauretanien mit der Sahara in Kontakt. Eigentlich zu Forschungszwecken an die Atlantikküste gereist, war er von der Faszination des direkt am Atlantik beginnenden Sandmeeres sofort gefangen. Monod bereiste die Sahara - mit Schwerpunkt Mauretanien - ab diesem Zeitpunkt viele Dutzend Mal bis ins hohe Alter hinein, wo er fast schon erblindet war. Er starb im November 2000 und hinterließ zahlreiche Bücher und mehrere tausend Manuskripte über die Wüste. Auf seinen Spuren wollen wir das Adrar erkunden. Mit reduzierter Ausrüstung, nah an der Natur und den Menschen...

Im Tal von Terjit

Pistenabzweig dreißig Kilometer vor Atar, der einzigen Stadt im mauretanischen Adrar-Bergland. Die Sahara hat uns wieder. Die Mauren, die seit nunmehr 500 Kilometern auf der Ladefläche des Jeeps dem kalten Wind trotzen, schauen ungläubig, als wir unsere Rucksäcke abladen, bevor der Wagen in die Nacht entschwindet. Ein leichter Wind weht und glücklicherweise ist heute Vollmond, so dass wir beschließen, noch einige Kilometer hinein ins Oued von Terjit zu laufen. Das Gewicht der Rucksäcke ist erdrückend, wir tragen beide ungefähr die Hälfte unseres eigenen Gewichts und das trotz absolutem Verzicht nur auf das Notwendigste für diese Sahara-Begehung. Allein das Essen macht sicherlich knapp 8 Kilo aus, in Spitzenzeiten werden noch mal 10 Kilo Wasser dazukommen. Nach zwei Stunden konzentriertem Laufen schlagen wir unser Camp auf einer majestätisch hohen Düne auf, die weiß glitzernd wie eine brandende Welle direkt an einem Bergrücken liegt. Sogar nachts ist der Ausblick von hier oben fantastisch und lässt uns die Anspannung ob der zu erwartenden Strapazen der nächsten Wochen vergessen. Unsere diesjährige Tour beginnt im Bergland des Adrar und führt durch den Erg Ouarane über die Oase Chinguetti immer weiter bis zur Oasenstadt Ouadane am Rande des riesigen Kraters Guelb er Richat.

Viele der anzulaufenden Wasserstellen kennen wir; mein Bruder hat große Teile der rund 350 Kilometer langen Strecke bereits im Vorjahr allein bewältigt - ein Umstand, der selbst von den maurischen Nomaden mit größter Hoch-achtung bemessen wird. Ohne Kamele geht kein Maure in die Wüste, und die südliche Route, die wir gehen werden, ist völlig pistenlos, querfeldein durch Berge, Steinebenen und gigantische Dünenmeere. Nicht umsonst ist mein Bruder schon in der ganzen Region bekannt. Viele Orte, an die wir kommen, sind ein Wiedersehen für ihn und liefern den Nomaden neuen Gesprächsstoff für die allabendlichen Tee-Zeremonien. Die Navigation am ersten Tag ist recht einfach. Solange wir im Oued bleiben, gelangen wir automatisch nach Terjit. Ungefährlich ist es trotzdem nicht: Gegen Vormittag kreuzt eine Sandviper in einigen Metern Entfernung unseren Weg. Die erste Schlange auf all unseren Sahara-Reisen, hoffentlich auch die letzte! Die Oase Terjit ist ein Ort der Verzauberung. Fast surreal, wie hier inmitten der unwirtlichen Wüste eine kleine Quelle entspringt und als Bach durch das palmengesäumten Tal fließt. Wir genießen die Kühle und verbringen den Mittag direkt unter einem rund 50 Meter hohen Felsüberhang, wo uns kühles Wasser direkt aus dem Gestein auf den Kopf tropft. Das Quellwasser ist sehr schmackhaft, es wird das beste bleiben, was es in den nächsten Wochen geben wird.

Die Zeit drängt, denn wir müssen heute noch einige Kilometer weiterlaufen. Die ersten hundert Meter erinnern mich eher an eine Alpenüberquerung. Da wir nicht das ganze Oued zurücklaufen und einen großen Umweg von ca. 100 Kilometern um das Massiv südlich herum machen wollen, um nach Osten zu gelangen, müssen wir die "Sackgasse" am Ende des Tals überwinden. Einige hundert Meter geht es teilweise senkrecht nach oben, durch das Schichtgestein jedoch ergeben sich immer gute Steigmöglichkeiten. Mit Fahrzeugen ist das Hochplateau in Richtung der Palmerie Fares nicht zu bezwingen, selbst das beste "Wüstenfahrzeug", das Kamel, lässt sich hier nicht hochtreiben. Die steinigen Anstiege werden von weichsandigen Dünen abgelöst, und die ersten Schweißausbrüche geben uns einen Vorgeschmack auf die - auch im Winter - manchmal große Hitze der südlichen Sahara. Unser Nachtlager entschädigt aber für alle Strapazen des Tages und der erste Tee schmeckt nirgendwo so gut wie in der Wüste bei Sonnenuntergang.

Zwangspause in Fares

Am nächsten Tag erreichen wir die Oase Fares. Eigentlich wollten wir in dieser großen Palmerie Mohamed, einen der wenigen Lehrer Mauretaniens, wieder treffen. Doch die Siedlung ist fast ausgestorben. Da im Jahr nur zwei Monate Schulunterricht stattfindet, sind die Nomaden mit ihren Kindern wieder verstreut im Umland, und Mohamed ist schon in der nächsten Oase, um dort "auf Zeit" andere Kinder zu unterrichten. Unser blaues Zelt erregt große Aufmerksamkeit - ein kräftiges Indigo ist seit jeher die Lieblingsfarbe der Sahara-Völker - und so ziehen wir vor allem die wenigen Kinder der Oase an. Alles, was wir tun - oder nicht - ist sehr interessant. Wie oft kommen auch zwei Beidans (Weiße) zu Fuß an diesen gottverlassenen Ort? Ein Ruhetag ist hier in Fares eingeplant. Durch die großen Temperatur-Unterschiede und die vielen verschnupften Mauren, für die Tagestemperaturen von 30 Grad wirklich kältester Winter sind, haben wir uns eine ordentliche Erkältung eingefangen. Zwei Tage sind wir außer Gefecht, doch am dritten Tag muss es endlich weiter gehen.

32 Kilometer bis zum Wasser

Und dieser Tag wird ein Husarenritt! Der Wind, der gestern aufkam, hat an Heftigkeit noch zugelegt. Teilweise wird das Gehen zum Balanceakt, da unsere ausladenden Rucksäcke wie Segel wirken und so mancher Schritt nicht da landet, wo er soll. Die ersten fünf Kilometer ist es leicht ansteigend, eine Mondlandschaft, die unglaublich schwer zu begehen ist. Nach 20 Kilometern hätte Schluss sein sollen für diesen Tag. Wir haben jedoch nur 6 Liter Wasser pro Kopf dabei. Sollte der Brunnen in Tifrirt versandet sein, müssten wir mit sehr geringen Reserven zurücklaufen nach Fares. Also laufen wir von morgens um sieben bis zum Sonnenuntergang, vergessen dabei sogar das Essen und kommen kurz vor Einbruch der Dunkelheit am Brunnen von Tifrirt an. Erste Frage: Gibt es Wasser? Ja! Zum Glück hat eines der zwei Brunnenlöcher recht klares und gutes Wasser in 8 Metern Tiefe. Wir gehen sofort an die Reserve-Flaschen und leeren pro Person einen ganzen Liter als Belohnung für diesen harten Tag.

Nach diesem Husarenritt gönnen wir uns an der Wasserstelle von Tifrirt zwei Pausentage. Tifrirt liegt am Ende einer weiten Ebene, rund dreihundert Meter vor den ersten Ausläufern des Bergmassivs Zerga. Das Zelt steht einige Meter neben dem Brunnen im Schatten unter einer Riesen- akazie, eigentlich ein guter Platz wenn wir nicht alle paar Minuten neue Akazienstacheln im Fuß hätten. Da der Wind immer noch heftig ist, verbringen wir viel Zeit im Zelt, lesen, schreiben Tagebuch und schlafen viel. Am frühen Nachmittag des zweiten Tages bekommen wir überraschend Besuch von einer kleinen Karawane, die Wasser holt. Da wir im verschlossenen Zelt liegen, sind die Nomaden etwas verunsichert. Schnell den Chech um den Kopf gewickelt und raus zur Begrüßungszeremonie. Zeit für einen Tee ist keine, und der Wind wäre auch zu stark für ein kleines Feuer, also tauschen wir Geschenke aus: Datteln aus Nouakchott gegen frische Kamelmilch. Ein Genuss! Am nächsten Morgen geht es weiter, die ersten Stunden immer leicht bergan. Ab mittags sehen wir den Bergrücken des Zerga, der wie eine optische Täuschung trotz unseres strammen Schrittes einfach nicht näher kommen will. Etwas im Norden liegt der Meteoritenkrater von Aouelloul, den wir auf dieser Reise aus Zeitgründen nicht besuchen werden. Die Sonne steht schon tief und taucht die Landschaft in warme Töne, als wir endlich eine Passage des Zerga überqueren und in die Ausläufer der Sandwüste, des Erg Ouarane, hineinlaufen. Hier schieben sich die ersten kleinen Dünenfelder wie brandende Wellen an das Bergmassiv heran, und wir finden viele Spuren der Rallye Paris-Dakar, die hier vor gut zehn Tagen vorbeizog. Der Wind legt sich am Abend - endlich mal wieder ein schönes Feuer und in Ruhe kochen und essen!

Nichts als Dünen bis Chinguetti

Die alte Oasenstadt Chinguetti ist nun nicht mehr weit, der Weg dorthin wird aber mit jedem Meter schwieriger. Wir kommen immer tiefer in Dünen hinein, queren massive Dünenfelder. Das Laufen im Sand, besonders die Dünen hinauf, ist sehr anstrengend, und wir sind froh, dass die Sonne durch den dunstig-bewölkten Himmel nicht so heiß auf uns hinab brennt. Wegen des aufgefrischten Windes schlagen wir unser letztes Lager 12 Kilometer vor der Oase in einem Dünentrichter auf. Hier bläst der Wind nicht so stark, aber trotzdem dauert es nur wenige Minuten, bis wir vom Sandstaub fein gepudert sind. Chinguetti! Großes Wiedersehen mit Ahmed, dem Besitzer der Auberge des Caravanes, jahrelang das einzige"Hotel" in Chinguetti. Es gibt viel zu erzählen und wir genießen die Ruhe, den Ausblick vom Dach der Hauberge auf das Oued von Chinguetti, trinken viel maurischen Tee.

Bevor uns die totale Bewegungslosigkeit überkommt, gehen wir in die Altstadt und statten auch der antiken Bibliothek einen lohnenswerten Besuch ab. Hier liegen mehrere tausend Jahre alte Bücher ungeschützt in Holzregalen, man kann sie herausnehmen und sich die farbigen Zeichnungen und kunstfertige Schriften ansehen. Beeindruckend. Hier im Ort haben wir auch die Möglichkeit, zumindest Grund-nahrungsmittel einzukaufen: Tee und Zucker gehen immer am schnellsten aus, da wir uns - wie die Mauren - selten an die goldene Tuareg-Regel der drei Gläser halten. Zum einen schmeckt der Tee einfach zu gut und durch den vielen Zucker ist er auch eine wichtige Quelle für unsere Mindestkalorien. Abnehmen ist übrigens auf jeder unserer Reisen normal. Wofür manch einer Tausende von Euro in einer Diät-Klinik hinblättert, zahlen wir hier nichts. In vier Wochen gehen schon mal locker 4-5 Kilo runter, selbst in knapp zwei Wochen hartem Wüstenwandern habe ich schon 3 Kilo verloren.

ein steiniger Weg bis zum Wiedersehen in Douerat

Nach soviel Ruhe geht es endlich weiter zuerst durch das Oued von Chinguetti Richtung Nordosten, wir passieren den Brunnen von El Beggar und wandern danach zwei Tage durch sehr unangenehme Landschaft. Die Sandebenen hier sind übersäht von unzähligen faustgroßen Steinen, als ob Gott sie hier einfach hingespuckt hätte. Kaum einen Schritt können wir hier sauber setzen, ständig knicken wir um, wenn wir schräg auf einem Stein landen. Durch das Gewicht des Rucksacks schmerzen die Füße bald sehr und die Moral lässt auch nach. Ich fluche und wünsche mir die Sanddünen wieder, gerate mehrmals mit meinem Bruder aneinander, obwohl er in seiner stoischen Gelassenheit eigentlich bewundernswert ist. Ein wirklich steiniger Weg! Wir müssen diesen Kurs gehen, denn Ziel ist die Oase Douerat. Hier steht ein Besuch bei Familie Dehibi und dem Sohn Sidi Mohamed an. Die Oase, die übrigens im Mittelalter bereits den Portugiesen als Handelsplatz bekannt war, ist heute eine tote Stadt, von der kaum mehr als ein riesiger Haufen Steine übriggeblieben ist. Douerat ist sehr grün, hunderte Ziegen laufen herum.

Sidi Mohamed freut sich sehr, uns wieder zu sehen. Am Abend folgt die obligatorische Einladung zum Couscous - mit viel viel ranziger Kamelbutter, die meinen es gut mit uns! Wir essen, wollen ja nicht unhöflich erscheinen, und spülen den tranigen Geschmack mit reichlich Tee herunter. Eigentlich müsste uns richtig schlecht werden, aber unsere Magenwände sind wohl schon zu Stein erstarrt. Der Abschied von Douerat fällt schwer. Wir ziehen nördlich am Berg Herour vorbei, hinein in die weite Ebene in Richtung Ouadane. Zwanzig Kilometer vor Ouadane schlagen wir unser Zelt auf der höchsten Düne der Gegend auf. Beim Suchen von Feuerholz finden wir einen schönen maurischen Kamelsattel, aus Holz geschnitzt. Am liebsten würden wir ihn mitnehmen, aber womit? Zwei Versorgungs-LKW, die Nachhut der Dakar-Rallye, fahren durch die weite Ebene nur 200 Meter an uns vorbei. Richtig was los heute Abend. Wir schüren das Feuer und sind gerade beim Kochen, als wir unerwarteten Besuch von einem jungen Nomaden bekommen. Nach der Begrüßung setzt er sich schweigend zu uns. Das angebotene Essen und den Tee lehnt er ab: Es ist noch Ramadan. Nach rund zwanzig Minuten erhebt er sich und geht weiter Richtung Nordost irgendwo ins Nirgendwo. Lange schauen wir ihm mit dem Fernglas nach und entdecken dann am Horizont zwei weiße Berberzelte. Die Dunkelheit kommt wie immer schnell, und der Sternenhimmel ist heute besonders schön. Sirius leuchtet hell. Wir sitzen lange zusammen, schauen in den Himmel und reden.

Am nächsten Tag laufen wir weiter nach Ouadane. Kurz vor dem Abstieg ins Oued von Ouadane stolpern wir über eine explodierte Panzerfaust, die im Sand liegt. Sie stammt aus der Zeit des Polisario-Krieges in den siebziger Jahren, wo übrigens auch das kleine Elektrizitätswerk von Chinguetti mit Raketen angegriffen wurde und es seitdem keinen Strom mehr gibt. Ouadane hat ein kleines "Hotel" (genauer gesagt sind es Berber- Zelte) und es gibt sogar eine Dusche! Wir besichtigen Ouadane, das direkt an den Fels gebaut ist und vor einigen Jahrhunderten ein wichtiger Handelsplatz für die Karawanen war, die von hier in Richtung Algerien zogen. Die Oase ist sehr grün und hat eine kleine Infrastruktur (Schule, Einkaufsmöglichkeiten und Tankstelle). Wir gehen die Stadt anschauen und Proviant einkaufen. Danach ist Waschtag für Mensch und Kleidung.


Am Nachmittag des zweiten Tages kommen vier Jeeps, bepackt mit einer französischen Touristengruppe, im Camp an. Vorbei ist es mit der Einsamkeit. Die Gruppe ist heute vormittag in Atar mit dem Flugzeug gelandet. Alle duschen erstmal (wir amüsieren uns etwas, da unser Waschrhythmus bereits etwas verlangsamt und mittlerweile so alle fünf Tage einmal duschen ganz normal ist). Abends sitzen wir dann gemeinsam mit der Gruppe beim Essen, Parfumduft der gehobenen Pariser-Oberschicht weht zu uns herüber. Eine Frau hat tatsächlich ihren ganzen Goldschmuck angelegt! Hat wohl den Reiseprospekt nicht gelesen - das Gala-Diner fällt aus! Die Gruppe wird in einer Woche mit Nomaden und Kamelen von Ouadane nach Chinguetti laufen. Auch hier entwickelt sich ganz schnell die klassische Gruppendynamik: Einige Männer der Gruppe fühlen sich schon jetzt wie große Abenteurer und stricken fleißig Seemannsgarn. Etwas beleidigt sind sie dann doch, als sie im Gespräch erfahren, wie wir beide in den letzten Wochen durch die Wüste gelaufen sind. Am nächsten Morgen packen wir unsere Rucksäcke und los geht es, zurück nach Chinguetti. Dieses Mal eine andere Route über die Oase Tanouchert und die südliche Passage des Herour. Nach zwei Tagen erreichen wir Tanouchert. Die schönste Oase in dieser Gegend. Unzählige Palmen stehen hier, und es gibt viele Brunnen zur Auswahl. Die Palmerie ist menschenleer, nur ein Mann bewacht die Dattelpalmen.

Die Oase Tanouchert - es geht heimwärts

Unsere Kräfte sind langsam verbraucht. Wir müssen deshalb auch einen Tag länger als geplant in Tanouchert bleiben und etwas auftanken. Am nächsten Tag laufen wir erst gegen Mittag los. Die Querung der Bergkette Herour ist immer wieder schön, und auch der Blick zurück auf Tanouchert, wie friedlich die grüne Oase mitten im Sandmeer liegt, sehr eindrucksvoll. Linker Hand, etwa zwei Kilometer südlich, sehen wir Kinder im Sand herumtollen. Sie gehören zu einer Familie, die in der Nähe der Brunnen von Hassi Talbat wohnt. Wir gehen weiter, und nach einigen Laufkilometern passieren wir ein kleines Haus, unbewohnt aber von einigen Gräbern umgeben. Nachtlager dann in den Dünen. Ein kleiner Skorpion besucht uns, aber es besteht keine Gefahr für Leib und Leben. Selbst die großen und giftigen Skorpione sind in der Regel für einen Europäer mit guter Konstitution nicht tödlich.

Dünenwandern steht am nächsten Tag auf dem Programm. Durch Zufall entdecken wir einen Brunnen in der Ebene, der auf keiner Karte verzeichnet ist. (Jahre später, als ich mit Doreen und Mohamed auf einer Kameltour hier in der Gegend unterwegs bin, treffe ich wieder auf den Brunnen und erfahre jetzt erst, wie dieser von den Mauren genannt wird). Kaum haben wir den Brunnen erreicht, kommt eine Nomadenfamilie mit vielen Tieren dazu, die mit Guerbas und Wasserkanistern beladen sind. Die Umlenkrolle für das Seil ist weg, und die Astgabel über dem Brunnen liegt zerstört daneben. Die Nomaden haben irgendwo eine neue organisiert und wollen diese zusammen mit einer neuen Astgabel installieren. Ein Seil haben sie aber nicht. Gut, dass wir mehr als 70 Meter Kletterseil im Gepäck haben. Gemeinsam reparieren wir den Brunnen und als Dank bekommen wir zuerst unsere Flaschen gefüllt. Es ist schon Nachmittag, und wir beschließen, unser letztes Nachtlager noch einmal in den Dünen am Rand des Oued Chinguetti aufzuschlagen. Am Abend folgt das gleiche Prozedere wie immer: Zelt aufschlagen, Feuerholz suchen, Tee und Essen kochen und noch etwas fotografieren. Auch heute bekommen wir mitten aus dem Nichts Besuch von einem jungen Nomaden, der sich zu uns setzt, eine ganze Wasserflasche von uns leert und dann frohen Mutes weiter ins Oued wandert.

Die Tage der Einsamkeit sind gezählt

Wir erreichen wieder die Oase Chinguetti und nach einigen Tagen der Erholung fahren wir mit einem Jeep nach Atar. Die Weiterfahrt von Atar nach Nouakchott, der Hauptstadt Mauretaniens, ist wieder einmal eine lustige Angelegenheit. Die Abfahrt ist für morgens um 9 angesetzt, verschiebt sich dann auf 12 Uhr mittags, am Nachmittag steigen wir dann von einem Jeep in den nächsten, und schließlich geht es um 17 Uhr los. Aber nur bis zur Tankstelle. Jetzt wird der Reisepreis aller 16(!) Passagiere kassiert und der Tank gefüllt. Endlich hinauf auf die Piste um - nach genau 15 Minuten Fahrt - erneut anzuhalten (zum Abendgebet). Weitere zwanzig Minuten später sind Mann und Maus wieder an Bord, und es geht los in Richtung Westen, fünfhundert Kilometer bis ans Meer nach Nouakchott. Hier erwartet uns Kontrastprogramm. Nouakchott ist schon viel mehr Afrika als die nördliche Sahara-Region. Hier sehen wir einen bunten Mix aus Mauren und Bewohnern der west- und zentralafrikanischen Staaten. Auf den großen Märkten gibt es allerhand Gemüse, Datteln und jeden erdenklichen Krimskrams. Auch die kleinen Läden sind hier sehr spezialisiert. In einem gibt es zum Beispiel nichts als gebrauchte Wagenheber - der Laden ist voll davon bis unter das Dach! Wir machen häufig Spaziergänge durch Nouakchott und genießen nach den langen Wochen in der Sahara das Meer und natürlich den Luxus des afrikanischen Stadtlebens.
Wüstenwandern - Erdmannstr. 13 - 10827 Berlin - Fon: +49 (30) 85 47 93 79 - Fax: +49 (30) 85 47 96 15