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Reiseberichte: Nomadenleben mit Mohamed
:: Nomadenleben mit Mohamed
Wüstenwandern ohne Begleitung und nur mit dem eigenen Rucksack bedeutet totale Freiheit und Unabhängigkeit. Selbst Kamele sind ja schon ein wenig Abhängigkeit, man muss einen Chamelier mitnehmen, der sich um die Tiere kümmert, ist also nicht mehr allein. Und doch ist das Reisen mit den Nomaden und ihren Wüstenschiffen eine unvergessliche Angelegenheit...

Wieviel Strecke will man laufen?
 
Bei normalen Sahara-Expeditionen zu Fuß und nur mit dem Rucksack dürfen sichere Wasserstellen maximal 100 Kilometer auseinander liegen. Mit Kamelen kann man im Winter notfalls sogar 21Tage laufen, ohne einen Brunnen finden zu müssen. Das sind viele hundert Kilometer! Neben der größeren Reichweite der Karawanen ist das Laufen ohne Gepäck, da die Kamele ja die gesamte Ausrüstung und das Wasser tragen, ein nicht zu verachtender Luxus. Nach anstrengender Solo-Tour mit Doreen durch den Erg Ouarane wollen wir im Anschluss eine kleine Wanderreise mit dem Kamel machen. Als Chamelier, also Kamelführer, steht uns der junge Maure Mohamed zur Verfügung. Ein ganz besonderer Begleiter, wie sich noch herausstellen wird. Als Route habe ich mir die Strecke zur Oase Tanouchert, weiter nach Douerat und von dort aus zurück nach Chinguetti überlegt. Es sind Orte, die ich schon bereist habe und wissen möchte, wie es dort heute ausschaut.

Um die Tour in den wenigen Tagen zu schaffen, müssen wir die ersten zwei Tage jeweils über 30 km zurücklegen. Nicht wenig, da ich aber schon mit schwerem Rucksack solche Entfernungen an einem Tag gelaufen bin, weiß ich dass es zu schaffen sein wird. Ohne eigenes Gepäck erst recht. Mohamed ist davon gar nicht überzeugt. Seit unserem Start lamentiert er, dies sei zu viel für uns Touristen, normal seien 15-20 km pro Tag und nicht mehr. Um uns etwas abzuschrecken, verschärft er sein Tempo anfangs so, dass Doreen Probleme hat, mitzuhalten. Die Mittagsrast verbringen wir im grünen Oued des Brunnen von Bir Lemreyfeg. Diesen habe ich vor einigen Jahren auf dem Rückweg von Ouadane mit meinem Bruder zufällig entdeckt und dort mit zwei Mauren die kaputte Seilkonstruktion für den Schöpfeimer repariert. Als wir nach ausgiebiger Tee-Zeremonie weiterziehen wollen, trifft ein Nomade am Brunnen ein. Also wieder hinsetzen, neuer Tee wird gekocht, es wird viel erzählt und mit einiger Verspätung laufen wir dann irgendwann weiter. Eigentlich schön, dass man sich in der Wüste immer Zeit nimmt! Am späten Nachmittag läuft Doreen uns dann auf einmal fast davon. Das Kamel ist - wie immer zum Abend hin - müde und muss schon kräftiger am Nasenring gezogen werden und auch das hohe Tempo vom Vormittag zollt bei Mohamed Tribut. Am Lagerplatz angekommen haben wir 32 KM geschafft! Und unser Chamelier ist mittlerweile guter Dinge, dass die Tour wie geplant laufen wird.

Das Abendgebet und andere Rituale

Zum Abend hin ist der Ablauf immer der gleiche und die Aufgabenverteilung erfolgt auch zu dritt ganz von allein: Mohamed und ich entladen das Kamel, binden die Vorderbeine zusammen und schicken es zum Fressen, derweil sammelt Doreen Feuerholz und dann schüren wir meist zwei Feuerstellen direkt nebeneinander. Nach dem Abendgebet kocht sich Mohamed einheimische Kost, die meist aus weißen Bohnen besteht und wir machen unsere europäische Küche (Nudeln mit Tomaten oder Gemüsesoße). Als Vorspeise gibt es Erdnüsse und die leckeren aber gewöhnungsbedürftigen mauretanischen Kekse. Nach dem Essen folgen unendlich viele Runden des stark gesüßten Tees aus kleinen Gläsern, der nur in der Sahara so unglaublich gut schmeckt! Als Zugabe macht Mohamed meist Fladenbrot, das direkt im heißen Sand unter der Glut des Lagerfeuers gebacken wird. Das warme Brot (es hat in der Sahara je nach Region sehr unterschiedliche Namen wie Taguella, Kessera oder Chobbs) schmeckt erstaunlicherweise kaum sandig und zum heißen Tee noch besser. Mohamed sucht seinen Schlafplatz meist direkt an einem Baum oder hinter einer Düne, um die Nacht so windgeschützt und etwas wärmer zu verbringen. Bei Sommertemperaturen von bis zu 52 Grad sind die winterlichen Nachttemperaturen von rund 7 Grad in der südlichen Sahara für die Einheimischen bitterkalt.

Wir richten unsere Schlafstelle, das "Tausend Sternehotel", immer einige Meter entfernt ein. Das erste Mal auf allen Reisen schlafen wir bei dieser Reise durchweg unter freiem Himmel! Ein besonderes Ereignis, im warmen Schlafsack zu liegen und den wunderbaren Sternen-himmel anzuschauen. Morgens gegen vier Uhr wache ich meist auf und sehe den gerade aufgehenden Mond. Da ist mir klar, dass ich nie wieder in der Sahara im Zelt schlafen möchte!

Morgens ist Mohamed immer vor uns wach, oft brennt schon ein kleines Feuer und heißer Tee wartet auf uns. Nach kurzem Frühstück suchen wir das Kamel, dass sich im Umkreis von einigen hundert Metern herumtreibt, bepacken es und ziehen weiter. Mohamed läuft meist einige Meter vor oder neben uns und wir bewundern täglich wieder seine überra-genden Navigationskenntnisse. Ich bestimme ab und zu mit meinem GPS die Position und peile dann mit dem Kompass unseren Kurs. Mohamed läuft immer maximal 1 Grad Abwei-chung vom direkten Kurs und das ohne Kompass, ohne Karte und Satellitennavigation braucht er auch nicht! Besonders beeindruckend ist, dass wir fernab ausgetretener Pfade unterwegs sind. Mohamed kennt die gesamte Adrar-Region wie seine Westentasche und hat schon für die mauretanische Regierung bei offiziellen Projekten als Guide gearbeitet. Ziel der heutigen Etappe ist der Herour, ein Berg wie ein Schutzwall, der sich auf einer Länge von rund 30 km von Norden nach Süden erstreckt. Am späten Nachmittag überqueren wir dessen südliche Passage und erreichen die Palmenoase Tanouchert kurz nach Sonnenuntergang. Wir lagern etwas versteckt am Rande der Oase und müssen aufpassen, dass unser Kamel sich nicht über die Dattelpalmen hermacht. Das Feuerholz wird im Dunkeln gesammelt. Doreen bringt deshalb auch den einen oder anderen Tierknochen mit, was für allgemeine Heiterkeit sorgt.

Der Abendhimmel leuchtet heute in tollen Farben lila, rostrot und orange. Von Tanouchert selbst bin ich ein wenig überrascht: das letzte Mal war in dieser wunderschönen Oase am östlichen Fuß des Herour nichts los. Gerade mal einen Einheimischen trafen wir an und verbrachten damals zwei ruhige Tage hier. Heute, einige Jahre später, leben sogar Familien hier. :: Muscheln im Sand und vergessene Oasenstädte Am nächsten Morgen machen wir halbe Kehrtwende und laufen am Bergrücken entlang Richtung Norden. Hier befindet sich einige Kilometer von Tanouchert entfernt eine weitere Passage über den Herour, die wir, um nach Douerat zu gelangen, queren wollen. In den Dünensenken finden wir tausende kleiner Süßwassermuscheln, kaum vorstellbar, dass es hier einmal Seen gegeben haben soll, wo doch heute Wasser nur an den wenigen Brunnen zu finden ist. Nach der Passage wird die Landschaft zunehmend steiniger, wir laufen direkt in die Ausläufer des Adrar-Gebirges hinein. Douerat liegt in einem recht grünen Oued und ist eine geschichtsträchtige Oase. Davon ist heute leider nicht mehr viel zu erahnen: Außer einigen halbnomadischen Familien, die von kleinen Gärten und der Ziegenzucht leben, ist dieser Ort in Vergessenheit geraten. Im Mittelalter lebten hier einige tausend Menschen. Mauren vom Stamm der Tadjakant hatten die Stadt, die früher Tinigui hieß, gegründet und nach einem Familienkrieg aufgegeben.

In Douerat sind wir seit Jahren mit der Familie von Sidi Mohamed befreundet. Im Gepäck habe ich Fotos für ihn, die mein Bruder vor zwei Jahren gemacht hat, als er hier in der Oase einen längeren Zwangsaufenthalt wegen Fußproblemen einlegen musste. Wir erreichen das Oued von Douerat, dass in einer Senke liegt und müssen uns bei einem Nomaden erst einmal erkundigen, wo in diesem Jahr die Zelte der Familie stehen, da sie ihren Platz öfters wechseln. Die Begrüßung mit der Familie fällt herzlich aus. Nur Sidi Mohamed ist nicht da, sondern mit Kamelen ca. fünfzehn Kilometer entfernt im Oued unterwegs. Wir kommen zur Mittagszeit und werden gleich zum Essen eingeladen. Die Speise ist eine Mixtur aus gerupftem Brot, Kamelbutter und der leicht gesäuerten Ziegenmilch Zrig. Gewöhnungsbedürftig aber einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul. Eine Ablehnung der Essenseinladung wäre sowieso eine Beleidigung des Gastgebers. Also Augen zu und durch, zum Glück gibt es auch nach diesem Essen reichlich Tee zum durchspülen.

Am Nachmittag wird das Kamel wieder bepackt und wir ziehen weiter. Nochmals 12 Kilometer legen wir bis zum Abend zurück. Mit Feuerholz sieht es an diesem Lagerplatz am Rande einer weiten Ebene nicht gut aus, aber Mohamed hat schon während des Marsches mit seiner Axt einen riesigen Ast von einer toten Akazie abgeschlagen. Das Lagerfeuer ist somit gesichert. Heute sind wir zu dritt am Feuer: Eine kleine Maus flitzt den ganzen Abend frech um uns herum und stibitzt Kekskrümel und Erdnüsse. Sie legt wahrscheinlich einen Vorrat fürs ganze Jahr an. Wer weiß, wann hier mal wieder jemand vorbei kommt.


Als wir am nächsten Tag weiterlaufen, sagt Doreen zur mir, dass Mohamed leicht humpelt. Mir ist das gar nicht aufgefallen, aber bei genauerem Hinsehen merke auch ich, dass sein Schritt heute anders ist. Bis zur Mittagsrast verschlimmert sich sein Zustand. Nachdem wir unser Lager aufgeschlagen haben, sehe ich mir seinen Fuß genauer an - und bin entsetzt! Er hat sich vor fast einem Jahr einen Akazienstachel eingetreten und damals nicht alles entfernen können. Der Rest des Stachels hat in der Zwischenzeit nun zu einer eitrigen Entzündung geführt. Es sieht ganz nach einer Notoperation aus, die wir hier mitten im Nichts durchführen müssen! Glücklicherweise habe ich genug sterile Skalpellklingen, Alkoholtupfer und Verbandsmaterial dabei. Beim Öffnen der Wunde vergeht mir der Appetit erst mal für die nächsten Stunden. Wie Mohamed mit dieser großen Entzündung überhaupt noch gehen konnte, ist wirklich erstaunlich. Nachdem die Wunde vom Stachel befreit, ausgereinigt und desinfiziert ist, besteht das größte Problem darin, sie mit Pflastern und Binden sanddicht zu bekommen. Mohamed hat auch keine Schuhe sondern nur einfachste Plastik-Sandalen dabei, also ziehen wir ihm eine Wandersocke von uns über die Bandagen und hoffen, dass diese Kombination halten wird. Wir legen dann am Nachmittag noch 10 Kilometer zurück. Da wir nur ein Kamel dabei haben, das schon mit Wasser und Gepäck maximal beladen ist, muss Mohamed laufen. Wären nicht seine offensichtlichen Schmerzen, könnten wir diese Etappe mehr genießen. Sie führt uns durch ein endloses Tayert, ein schnurgerades Tal zwischen zwei Dünenfeldern.

An einer Stelle stoßen wir auf versteinerte rostrote und schwarze Sandklumpen inmitten dem gelben Sand. Zum Abend müssen wir ein letztes Dünenfeld queren bevor wir in die weite Ebene gelangen, die nach Chinguetti führt. Mohamed ist fertig. Die Schmerzen werden stärker, so dass ich ihm zwei Tabletten gebe und wir uns am Camp um Feuer und Kochen kümmern. Früh gehen wir in die Schlafsäcke, der Tag war ereignisreich genug. Gegen halbzwölf in der Nacht ruft mich Mohamed, die Schmerzen sind noch heftiger geworden. Ich entschließe mich, ihm ein Morphinpräparat, was gegen stärkste Schmerzen hilft, zu geben. Er schläft dann wie ein Kind.

Helfen - in der Wüste selbstverständlich

Am Morgen. Nichts geht mehr, Mohamed kann eigentlich kaum noch laufen. Ich bepacke das Kamel, wir geben ihm einen Wanderstock von uns, der stabiler ist als seiner und ich werde heute wohl das Kamel durch den Sand führen. Mohamed erzählt, dass es hier in der Nähe eine Nomadenansiedlung gibt. Wir überlegen. Ein Reitkamel wäre die Lösung für ihn, denn die vielen Kilometer nach Chinguetti zu laufen wohl kaum möglich in diesem Zustand. Also machen wir uns auf die Suche. Jeder Meter zuviel sollte vermieden werden, aber es ist nicht einfach die Zelte in dieser leicht hügeligen Landschaft auf Anhieb zu finden. Irgendwann sehen wir einen Mauren einige hundert Meter von uns entfernt in den Dünen laufen. Er sieht uns mit dem Kamel und da wir in seine Richtung schauen und uns nicht bewegen, wird er neugierig und kommt auf uns zugelaufen. Minuten dauert es, bis er uns erreicht. Mohamed erklärt die Situation und fragt, wo die Zelte genau stehen. Die gute Nachricht ist, dass sie ganz in der Nähe sind! Am Mittag erreichen wir endlich die kleine Nomadenansiedlung. In einer Zeriba, der einfachen Schutzhütte aus Palmwedeln und Ästen gebaut, verbringen wir die heißen Stunden. Es gibt Cous-cous, Doreen und ich sind erstaunt, wie sich alle Mauren trotz Mohameds Fußverletzung nicht vom zementierten Ablauf aus Essen und nachfolgender Teezeremonie abbringen lassen, am wenigsten übrigens Mohamed selbst. Wir haben Glück: Am Nachmittag kommt ein Nomade mit vier Kamelen an der Hütte vorbei. Zwei der Tiere haben sogar einen Reitsattel. Mohameds Heimreise ist also gesichert und Doreen kommt auch in den Genuss, den Rest des Tages reiten zu dürfen. Ich bleibe lieber am Boden, bin halt überzeugter Wüstengeher.

Zurück in Chinguetti

Am Abend erreichen wir dann Chinguetti, ich führe unseren treuen Begleiter, das Lastkamel, durch die Gassen von Chinguetti bis zu den Mauern der Auberge. Eine aus Zeitgründen kurze aber intensive Reise geht zu Ende. Wir haben soviel erlebt und gesehen, dass es uns vorkommt, als ob wir Wochen mit Mohamed unterwegs waren. Am Abend besucht er uns, frisch gekleidet in einem weißen Boubou, dem universellen weiten Umhang der Maurischen Nomaden. Er ist uns dankbar, dass wir zu dem guten Ausgang der Tour ein großes Stück beigetragen haben.
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