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Reiseberichte: Trekking im östlichen Erg
:: Trekking im östlichen Erg
Bir Djedid, Bir Rhoraffa, Bir Beressof - Schon die Namen klingen magisch und machten uns neugierig auf das, was sich dahinter verbirgt: Es sind alte längst verlassene Kolonialforts, unwirklich wie kleine Inseln mitten im Nichts des großen östlichen Sandmeeres, dem Grand Erg Oriental, gelegen. Diese Orte der Stille und Vergangenheit wollten wir erreichen - aber der Weg ist das Ziel...

15.12.1994 Das erste Camp

Wider Erwarten geht mit der algerischen Grenze alles gut. Obwohl wir zu Fuß, nur mit unseren Rucksäcken ankommen, machen uns die Grenzsoldaten keine Probleme. Natürlich haben wir als Reiseziel nicht eine Expedition allein im Grand Erg Oriental angegeben, sondern die Oasenstädte in der Mitte Algeriens. Mit viel Glück bekommen wir gleich an der Grenze ein Sammeltaxi in das 90 Kilometer westlich gelegene El Oued und von dort aus den Transfer in die südliche Oase Nakhla. Von unserem jetzigen Standpunkt aus (einige Kilometer südlich im Erg) haben wir Wasser für ungefähr sechs Tage. Finden wir nach der Hälfte dieser Zeit kein Wasser, werden wir umkehren müssen. Ob wir in Richtung Bir Aoun oder Bir Djedid laufen, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden. Schon die ersten Laufstunden im Sand waren sehr anstrengend, ich weiß nicht, welchen Kilometerschnitt wir mit den ungefähr 30 Kilo Gepäck auf dem Rücken schaffen können. Die Dünen hier am Camp sind fantastisch, teilweise sehr hoch und hinter uns liegt eine alte Teerstraße, die in Richtung Südost führt und meist unter Dünenkämmen begraben nur noch teilweise sichtbar ist.

18.12.1994 Am Brunnen Bir bel Mkeit

Ein Glückstag! Wir haben auf der Suche nach einem in der Karte verzeichneten Brunnen einen anderen Brunnen gefunden, aber der Reihe nach: Gestern zur Mittagsrast machten wir uns ohne Gepäck auf Wassersuche und fanden anderthalb Kilometer entfernt mehrere Zeribas, die Schutzhütten der vorbeiziehenden Karawanen. Natürlich denkt man da gleich an Menschen und auch an Wasser. Wir fanden aber keines. Also zurück zu den Rucksäcken und weitermarschieren, da wir laut Karte noch eine zweite Wasserstelle suchen wollten. Zuerst querten wir ein richtiges Dünengebirge, mordsanstrengend wie sowieso jede erste Laufstunde am Nachmittag wegen der Temperaturen und dem Gepäck immer die brutalste ist. Wir erreichten danach ein langgestrecktes Oued nach dessen Querung Pause geplant war.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir kräftemäßig wirklich am Ende. Mit Wasser rechnete ich zu dieser Zeit kaum noch, weil laut gelaufenem Kurs und Entfernung der Brunnen irgendwo in den vor uns liegenden hohen Dünen liegen musste, aber hier in der Ebene doch viel sinnvoller erschien. Nicht beirren lassen und schön den geplanten Kurs weitergehen, dachten wir uns. Knapp zwei Kilometer lagen noch vor uns, als ich die erste Düne nach der weiten Ebene überquerte - und was sah ich da: direkt etwa 100 Meter vor uns war etwas, das aussah wie ein kleiner gemauerter Brunnen. Schnell stürzten wir hinunter in die Senke, in der Skepsis, dass auch dieser Brunnen, wie viele andere auch, längst versandet wäre. Doch ich sah schon von Weitem Seil und Schöpfbehälter. Der Brunnen hat Wasser. Wir haben sofort ein paar Becher getrunken und dann das Zelt wegen der unzähligen Tierspuren in einiger Entfernung an einer Düne aufgeschlagen. Heute Morgen gab es Tee und Kekse mit Datteln gemischt und danach das Schönste: Wir haben uns im Teamwork gewaschen. Jetzt fühlen wir uns wie neugeboren!

Im Moment sitzen wir im Zelt und warten darauf, dass die Sonne tiefer geht und man sich wieder bewegen kann. Vorhin bekamen wir übrigens Besuch einer wilde Ziegenherde, die genauso verwundert geschaut haben, wie wir! Morgen werden wir den Brunnen Bir Aoun suchen, genau auf der Hälfte des Weges gibt es laut Karte einen weiteren Brunnen. Mal Schauen...

20.12.1994 Wer sucht, der findet (manchmal auch etwas später)

Mittagsrast. Heute morgen sind wir vor Sonnenaufgang raus, Equipment gepackt und seitdem geht es 95° direkt durch dicke Dünengebiete, schön verschachtelt, sodass der Kurs nicht immer ganz eingehalten werden kann. Gegen 11 Uhr nahmen wir mit dem GPS die letzte Peilung und eigentlich müsste hier, wo wir gerade sitzen, ein Brunnen sein - ist er aber nicht ! Wir sind seit einer Stunde ohne Gepäck auf Exkursion und haben bisher nichts finden können. Später geht es dann weiter zu einem anderen Brunnen Bir Sif El Hadja, angeblich mit gutem Wasser - laut 40 Jahre alter Karte! Es müssen noch gute sechs Kilometer sein, bin gespannt, ob wir das noch schaffen nach der harten Etappe am Morgen.

Halt, Stop, alles geht so schnell nun auch nicht ! Das hat man davon, wenn man die Tagebucheintragungen vor dem Abend für beendet erklärt. Wir haben uns so gegen 14 Uhr aufgerafft, alles geschnürt und sind frohen Mutes in Richtung El Hadja gestartet, gehen durch die erste Senke, die nächsten Dünenkämme hoch - und was erblicken wir hinter diesen Dünen? Zwei Brunnen direkt nebeneinander! Super, nun ist die sowieso anstrengende Nachmittagsetappe gestrichen. Das Zelt haben wir rasch wieder aufgestellt (hätten wir den Kilometer auch so tragen können), Feuerholz sammeln und entspannen. Nachtrag am Abend: Ich sitze gerade neben dem Zelt, dass wir auf einem Dünenplateau direkt vor die Senke mit den beiden Brunnen gestellt haben und schaue in die unter-gehende Sonne. Der Tee ist fertig - das Leben ist schön.

21.12.1994 Kolonialforts sehen wir nicht - aber der Weg ist das Ziel

Welch ein Tag! Gestern haben wir schon den nächsten Brunnen nicht gefunden und konnten wegen des Sandsturmes nicht weiterlaufen und heute war alles auch nicht viel besser. Zuerst freuten wir uns, dass im Laufe der Nacht der Wind etwas nachließ. Wir sind morgens kurz vor 6 aufgestanden und losgelaufen. Unser erster Anlaufpunkt war der in den Karten verzeichnete Brunnen Melah Zara. Die zehn Kilometer haben wir in wenigen Stunden runtergerissen. Außer ein paar älteren Spuren von Jeeps war aber kein Brunnen mehr zu sehen. Wir haben systematisch alles abgesucht, fanden aber nur einen alten Brocken Mauerwerk, vielleicht war das mal ein Teil vom Brunnen. Also trotz des schön klingenden Namens kein Wasser!

Kurzentschlossen haben wir dann auf die Mittagsrast verzichtet und sind Kursrichtung Nord zum nächsten in der Karte verzeichneten Brunnen Bir Aoun gelaufen. Noch mal einige Kilometer durch eine bewachsene Ebene. Auf der IGN-Karte ist sogar eine Piste verzeichnet, die es in der Realität wohl schon Jahrzehnte nicht mehr gibt - wie übrigens auch die Wasserstelle! Laut GPS-Peilung müssten wir mit dem Zelt eigentlich genau auf Wasser sitzen, aber vom Brunnen ist nichts zu sehen. Die Planung für die nächsten Schritte ist jetzt recht einfach: Wir haben noch Wasser für zwei Tage, das bedeutet zurück nach Bir Gaida. Das Fort Bordj Bir Djedid und die anderen alten Kolonialforts im Süden werden wir diesmal nicht erreichen, aber der Weg ist ja das Ziel...

24.12.1994 Weihnachten am Brunnen Bir El Gaida

Ich habe unruhig geschlafen. Vor Aufregung, es ist ja auch Weihnachten! Um 7 Uhr bin ich aufgestanden und habe Feuerholz für den Morgentee gesammelt. Dann bin ich losgezogen, um in der Gegend Fotos zu machen und gerade haben wir den Abwasch erledigt. Obwohl Abwasch kann man eigentlich nicht sagen, weil dieser ohne Wasser passiert. Trotzdem geht es fast besser als zu Hause. Warum? Sand heiß das Zaubermittel. Damit kriegt man wirklich jeden Topf blitzblank, die Hände übrigens auch! Der Sternenhimmel war, wie fast jede Nacht, so auch gestern wieder atemberaubend. Da der Mond gerade spät aufgeht, kann man ab ungefähr 19 Uhr unendlich viele Sterne sehen. Ab und zieht ein Satellit ruhig seine Bahn und vorgestern sahen wir eine sehr merkwürdige Sternschnuppe. Ganz langsam und blinkend, als ob sie sich um die eigene Achse drehen würde, zog sie weißleuchtend über den Himmel von Süd nach Nord und verglühte. Wir waren so erstaunt, dass wir vergaßen, uns etwas zu wünschen. Der Mond ist jetzt gegen 9 Uhr morgens immer noch weit oben am Horizont und die Sonne steht gegenüber im Osten.

Der Einfluss der Natur auf den Menschen in der Sahara ist spürbar. Zuhause lebt man durch elektrisches Licht fast immer den selben Tagesablauf, egal ob im Sommer oder Winter. Das Leben als Nomade richtet sich jedoch ganz nach der Natur. Man steht mit Sonnenaufgang auf, oder sogar eine Stunde davor, um noch länger in der Kühle des Morgens laufen zu können. geht bis mittags, um die Hitze der folgenden Stunden möglichst im Schatten einer Akazie oder im Zelt zu verbringen und nützt die Stunden vor dem Sonnenuntergang (im Moment viertel vor sechs) zum Kochen und Lageraufbau. Am Nachmittag. Wie es sich für Weihnachten gehört, gibt es auch bei uns die Bescherung. Zugegeben, etwas kleiner fällt sie dann doch aus, aber wir müssen ja jedes Gramm tragen. Deshalb nur zwei Briefe. Zuerst haben wir den von Mama geöffnet, eine sehr schöne Kurzgeschichte über Wasser und Flüsse (merkwürdiges Thema in der Wüste). Ich habe ihn auf einer Düne sitzend meinem Bruder vorgelesen. Dann habe ich die Zeilen meiner Freundin gelesen und etwas wehmütig in die Dünen geschaut.

Am Abend haben wir uns dann ganz kräftig die Mägen verrenkt. Es gab so üppig zu Essen, dass wir von der Vierfach-Portion Mousse au Chocolat zum Dessert gut die Hälfte einpacken mussten. Nach dem vorzüglichen 4 Gänge-Menue (natürlich alles aus Dose und Tüte) saßen wir noch auf der hohen Düne hinter dem Zelt und sahen Sternenfernsehen. Leider war der Himmel nicht ganz klar, aber die Kälte hat uns sowieso schon um halbacht in die Schlafsäcke kriechen lassen. Wenn man dann nachts im Zelt liegt, ist es so unglaublich still, dass man wirklich den eigenen Herzschlag hören kann.
 
26.12.1994 Unterwegs

Heute früh war Kälterekord. Als ich um 6 Uhr aus dem Schlafsack stieg, waren es minus 5 Grad und das Wasser in den Flaschen war sogar angefroren! Überall auf den Dünen lag Raureif und der Tau auf dem Zelt glitzerte eisig. Trotz der Kälte bin ich raus, um Fotos zu machen, und es sind mir hoffentlich ganz gute Aufnahmen bei Sonnenaufgang gelungen. Wir haben dann gepackt und die Lagerstelle auf dem kleinen Dünenplateau mit Blick auf die zwei Brunnen verlassen. Ob ich diese Stelle irgendwann noch einmal sehen werde? Als wir die kleine Ebene fast durchquert hatten und die ersten Dünenanstiege nahmen, hörten wir Kinderstimmen. Kurz darauf näherte sich rechter Hand in einiger Entfernung eine kleine Karawane, bestehend aus zehn Kamelen, einigen Nomaden und 2 Kindern, die zu den Brunnen liefen. Wir begrüßten uns kurz und dann ging es weiter.

Die heutige Route ist sehr anstrengend gewesen, wir durchquerten nur zu Anfang noch zwei relativ flache Ebenen und dann ging es hinein in tiefsandige Dünengebiete. Der Zielkurs ließ nicht zu, immer an den festen Dünengraten entlang zu laufen. Also mussten wir uns mit vollem Gepäck im Weichsand oft quer durch die Dünen kämpfen, ein Gefühl wie eine Rolltreppe falsch herum zu benutzen - und das mit gut 30 Kilo auf dem Rücken! Die Einsamkeit in der Sahara ist manchmal bedrückend, aber gleichzeitig magisch und schön. Außer heute und dem Nomaden am zweiten Tag haben wir bisher keinen Menschen getroffen.

30.12.1994 Absolute Stille

Unglaublich viele großartige Momente, Landschaften und Stimmungen haben wir in den letzten Wochen erleben dürfen. Langsam schwinden die Kräfte und die Sinne sind hier in der Sahara auf eine ganz eigentümliche Art und Weise überwältigt. Eigentlich ist hier fast jeder Tag wie ein Traum. Mit jedem Schritt sieht man Neues und auch meine heutige Abendaussicht ist magisch: Ich sitze gerade auf einem Dünengrat und egal, wo ich hinschaue, liegen Sanddünen aneinandergereiht bis zum Horizont. Die Sonne ist gerade untergegangen, man spürt die absolute Stille, die grenzenlose Freiheit und fühlt Ehrfurcht vor dem Schöpfer, der so etwas geschaffen hat. Wir werden hier mitten in den Dünen übernachten. Buba sucht gerade Feuerholz, das es in den reinen Sandgebieten natürlich seltener gibt. Ich freue mich schon wieder ein wenig auf die Zivilisation, auf das leckere Couscous in Tunesien und darauf, die unzähligen Eindrücke in Ruhe zu verarbeiten.

Am Abend wird es den letzten Tee geben und die anderen Nahrungsmittel gehen ebenfalls langsam zur Neige. Zeit zurückzukehren! Der letzte Nachthimmel bot wieder abertausend Sterne. Wir saßen trotz der Kälte lange im Sand und haben auf Sternschnuppen gewartet. Drei habe ich gezählt und mir immer etwas gewünscht. Was? Das darf ich nicht verraten, sonst geht's ja nicht in Erfüllung!

02.01.1995 Gesund zurück

Viele kleine Holzkarawanen ziehen hier aus dem Grand Erg Oriental nach El Oued. Eine davon lief eine Zeitlang parallel zu unserem Kurs und irgendwann kam der Karawanenführer die paar hundert Meter zu uns herüber und begrüßte uns freundlich aber auch etwas verunsichert. Er dachte wohl, wir hätten eine Autopanne, da er fragte, wo den unser Wagen geblieben sei und zeigte dabei zurück in den Erg. Als wir dies verneinten und auf unsere Füße zeigten, kam ein ehrfürchtiger Blick von ihm - den Jungs ist nicht zu helfen, so oder so, dachte er wohl und verabschiedete sich freundlich mit einem " Lebes - alles klar !"

Mittags erreichten wir einen Brunnen südlich von Nakhla. Hier füllten wir unsere Flaschen nochmals auf, liefen dann unglaublich schnell bis in die erste Oase El Ogla und von da aus mit einem Auto-Transfer innerhalb von zwei Stunden in die Oasenstadt El Oued. Die Stimmung in El Oued ist - wie in ganz Algerien - durch die politische Situation sehr angespannt. Wir ließen uns von dem Fahrer deshalb direkt zu dem Platz bringen, wo die großen Louages in Richtung Tunesien abfahren und erwischten dort mit Glück gleich eine Weiterfahrt an die Grenze. Auf dem Weg dorthin passierten wir zahlreiche Straßensperren vom Militär und mussten sogar mehrmals aussteigen, unser Gepäck zeigen - kein gutes Gefühl bei schwerbewaffneten Soldaten, die offensichtlich sehr nervös sind. Buba hat an einer Tankstelle noch Bananen und Süßkram gekauft, ein Genuss, frisches Obst nach der ganzen Tütennahrung zu essen.

Jetzt sind wir im Hotel an der algerisch-tunesischen Grenze, ein ungewohntes Gefühl, laute Rai-Musik und viele Menschen zu sehen nach Wochen der totalen Einsamkeit. Später soll es hier angeblich noch etwas zu essen geben, obwohl wir die einzigen Gäste im Hotel sind.
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